Realist. Optimist. Visionär.

Das Magazin MAIN feeling hat den Geschäftsführer im Frankfurter ikarus…design kaufhaus getroffen und sich mit ihm zum Thema Glück unterhalten. Das Porträt erschien am 2. Dezember 2019 als Beilage in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Volker Hohmann hat sich vorgenommen, die Welt ein bisschen schöner zu verlassen, als er sie vorgefunden hat. Mit seinem Unternehmen ikarus arbeitet er hoffentlich noch lange erfolgreich daran.
Volker Hohmann muss lachen. Er hat in einem der Räume seines Geschäftes an der Hanauer Landstraße auf einem Designerstuhl an einem Designertisch Platz genommen. »ikarus...design shop« so heißt sein Unternehmen, das er vor mehr als einem Vierteljahrhundert ins Leben gerufen hat. Ikarus ist in der griechischen Mythologie der, der mit seinen Flügeln aus Wachs zu nah an die Sonne fliegt – und abstürzt. »So sieht’s der Pessimist.« Aber Volker Hohmann ist Optimist. Und Realist. Und Visionär. Er taufte sein Unternehmen seiner Ziele wegen so. »Die Idee zu haben, daran zu glauben, fliegen zu können.« Darum geht’s dem gelernten Zahntechniker. Hohmann stammt aus Linsengericht, einem Ort unweit der Barbarossastadt Gelnhausen. Dort ging der heute 56-Jährige zur Realschule. In der ehemaligen Kaiserpfalzstadt wuchs er auch auf und lernte eben diesen Beruf. Doch eins war ihm bald klar: »Das war nichts, was ich für immer machen wollte.« Bereut hat er die Lehrjahre aber nicht. Das Handwerkliche daran und dass es feinmotorisch war, »hat mir sehr gut gefallen«, sagt Hohmann, der eine Weile auch in Berlin wohnte. Damals, als noch die Wehrpflicht galt... »Deshalb war ich eine Zeitlang Berliner.«
Volker Hohmann

"ikarus – die Idee zu haben, daran zu glauben, fliegen zu können."

Volker Hohmann
Später spielte ihm Gevatter Zufall in die Karten, und zwar in Form seines Bruders, der in Gießen einen Copy-Shop hatte und nach Frankfurt expandieren wollte. Damals, Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre, waren solche Geschäfte weit verbreitet. Studenten vervielfältigten ganze Bücher, ließen viel Geld in diesen Läden. Da lag der Gedanke nicht fern, sich dort einzuquartieren. Doch es kam anders. Auf dem teuren Möbel, das in dem Verkaufsraum an der Hanauer Landstraße steht, sitzt der Mitbegründer von »Top Copy«. Nahezu jeder, der im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends in der Mainmetropole studierte, kennt dieses Geschäft, das an der Adalbertstraße residierte. »Wir hatten aber ein anderes Ziel: Wir wollten eine Schnelldruckerei.« Die kam auch. »Top-Off-Set« hieß sie. »Da war ich gerade mal 21 Jahre alt.« Dann kam der passionierte Fahrer italienischer Autos – Alfa Romeo und Lancia haben es ihm angetan – auf eine Idee, die vor ihm niemand gehabt hatte: Bezüge, die man Autositzen so überstreifen konnte, wie Menschen modisch bedruckte T-Shirts. Es gab zwar hässliche Bezüge aus Synthetik. Aber Hohmann wollte waschbare aus Baumwolle. Klingt simpel. Doch es dauerte ein Jahr, bis die Entwicklung abgeschlossen war und es zur Zusammenarbeit mit dem Rüsselsheimer Autobauer Opel kam.
Die »Weiße Villa« ist nicht nur das Zuhause von Volker Hohmann, sondern sie dient immer wieder auch als Fotolocation für den ikarus…design katalog.
Die »Weiße Villa« ist nicht nur das Zuhause von Volker Hohmann, sondern sie dient immer wieder auch als Fotolocation für den ikarus…design katalog.

Volker Hohmanns Herz und Hirn brennen für Design

Vorausschauend hatte er sich Lizenzen von Walt Disney gesichert, und so tuckerte der erste Corsa-Sonderserie mit Bezügen im Disney-Design über die Straßen. Das Geschäft florierte. Die Firma hieß »MC – Monte Carlo«, hatte ihren Sitz in Gelnhausen, produziert wurde in der Türkei. Trotzdem waren die Bezüge nicht wirklich günstig. Die Konkurrenz schlief nicht, bot Preiswerteres an. Der Umsatz brach ein und Volker Hohmann merkte mit Ende 30: »Autozubehör, das interessiert mich gar nicht so.« Aber für eins brennen Hohmanns Herz und Hirn. Design. Durch die Sitzbezüge hatte er immer wieder Kontakt mit Designern. Er zählt auf, nur wenige: Mike Meiré, Matteo Thun. »Die Liebe zum Design hatte ich schon früh«, sagt Hohmann, der Mann, der sich mal vorgenommen hat, »die Welt ein Stück schöner zu verlassen, als ich sie vorgefunden habe«. Schön war sie wohl nicht wirklich für den kleinen Volker, der im »Gelsenkirchener Barock« aufwuchs und ganz hin und weg war, als er mal bei einem Bekannten zu Besuch war. »Sein Vater war Oberstudienrat, die Familie hatte lang in Persien gelebt«, weiß Hohmann und fügt gleich hinzu, dass deren Domizil »70er-Jahre-Lifestyle in seiner schönsten Art« zeigte. »Das war großartig.« Und diese frühjugendlichen Eindrücke hinterließen ihre Abdrücke. Hohmann verschrieb sich dem Design. Jahre später, als er die Bezüge-Firma hatte und sein Büro ausstatten wollte, merkte er, dass er in Gelnhausen das, was er suchte, nicht bekam. Auch in den umliegenden Großstädten nicht. »Nicht mal per Versand«, erinnert er sich. »Da müsste es doch einen Katalog geben, ein Nachschlagewerk«, meinte er. »Das war für mich die Geburtsstunde von ›ikarus‹.« Stil und Design. Darauf komme es ihm sehr an. »Heute lebe ich eher eklektisch.« Er entzieht dem Vorhandenem das für ihn Geeignete und passt es seinen Zwecken an. Etwa in der Weißen Villa in Gelnhausen, die klassizistisch und gut 150 Jahre alt ist und die er sehr modern einrichtete. »Das Ganze dient auch als Plattform für unsere Fotos«, erklärt Volker Hohmann.

Der ikarus-Gründer sprüht nur so vor Ideen und Visionen

Gelnhausen ist die Stadt des Schriftstellers von Grimmelshausen, des Physikers Philipp Reis, der als Erfinder des Telefons gilt. Da scheint es nur folgerichtig, dass auch Volker Hohmann ein Kind dieser Gemeinde ist. Immerhin sprüht er nur so vor Ideen und Visionen. Was mit einem Copy-Shop anfing, hat jetzt Niederlassungen in Frankfurt und in Stuttgart, insgesamt 130 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von ungefähr 27 Millionen Euro. Bei »ikarus« sei es ihm nicht darum gegangen, jedes Jahr den Umsatz zu verdoppeln, sondern darum, etwas Nachhaltiges zu schaffen, das lange lebt. Trotzdem oder gerade deshalb »sind wir fast immer nur gewachsen«, blickt Hohmann zurück, der seiner Zeit schon immer weit voraus war. Denn Hohmann ist neben allem anderen auch noch Pionier. Als noch niemand vom Internet, vom Handel im World Wide Web und vom damit einhergehenden Boom etwas ahnte, schuf er den ersten Online-Shop. »Es war ein Herantasten ans Digitale«, schildert Hohmann die Zeit damals.
Volker Hohmann in seinem Arbeitszimmer in Gelnhausen. Hier tüftelt er an neuen Ideen, nicht nur für ikarus.
Volker Hohmann in seinem Arbeitszimmer in Gelnhausen. Hier tüftelt er an neuen Ideen, nicht nur für ikarus.
1994 kam der erste »Ikarus«-Katalog – auf Papier natürlich. Da waren etliche internationale Design-Größen versammelt. Allein: Hohmanns Telefon klingelte selten. Das war nicht gut. »Da kam ich auf die Idee eines Shops im ›Museum Angewandte Kunst‹ und habe einen virtuellen Museumsshop konzipiert.« Internet, das kannte er damals selbst nicht. 20 Produkte enthielt der Shop. Museumsbesucher konnten sich eins aussuchen, ihre Wünsche eintippen – und bei Hohmann startete das Faxgerät. Zwei Jahre gab’s den Shop, dann wurde Volker Hohmann 1997 aufs Internet aufmerksam, sicherte auch gleich eine Domain »ikarus.de«. »Ich hätte beide haben können, also auch ikarus.com. Aber jede hätte 1000 Mark gekostet – für mich damals viel Geld.« Er machte sich gleich ans Werk, ließ einen Online-Shop programmieren und ging im Sommer 1997 ans Netz. »30 Produkte waren auf der Seite.« Und wenn es eine Bestellung gab, dann kam die auch übers Faxgerät an. Im Laufe der Jahre brachte er nach und nach das ganze Sortiment online. »Wir haben jetzt 30.000 Artikel – im Katalog sind es 3000«, rechnet Hohmann vor. Hin und wieder hat er sogar selbst designt. Eine eigene Kollektion sei nicht Kern von ikarus. Aber es gibt eine Reihe von eigenen Artikeln, etwa Outdoor-Matratzen, ein Strandhaus-Schrank sowie ein oder zwei Betten, die er entworfen hat.

Mit 20 Produkten fing alles an, heute hat ikarus 30.000 Artikel

Volker Hohmann hat mal daran gedacht, in jeder großen Stadt einen Laden wie den in Frankfurt zu haben. »Aber ich weiß nicht ...« Die Idee ist noch nicht ausgereift. Was wachsen werde, sei das Thema Internet. Wichtig sei, dass der Online-Shop auch auf dem Smartphone funktioniert, was er tue. Zurzeit teste »ikarus« Programme, bei denen Kunden virtuell Produkte in ihre eigenen Räume stellen können, um zu schauen, wie es passt. Außerdem wächst das Unternehmen international: Österreich und die Schweiz sind schon im Portfolio. »Der Gedanke für nächstes Jahr ist, dass wir Frankreich mit dazu nehmen.« Dabei schielt er auf Belgien und die französische Schweiz.
Doch auch privat stehen turbulente Zeiten an, denn Volker Hohmann ist Vater geworden. Zum vierten Mal. Vom vierten Mädchen. »Von vier Wochen bis 33 Jahre.« Viele seiner Freude erlebten in jüngster Vergangenheit Vaterfreuden. Da spräche einiges für einen Design-Kindergarten in Gelnhausen. Denn eins traut man diesem Mann allerdings nicht zu: Dass er mal nichts tut. Aber weit gefehlt. »Ich kann wirklich gut nichts machen. Ich brauche nicht permanent eine Aktivität.« Doch so ganz kann das nicht stimmen. Denn Volker Hohmann hat eine aufwendige Leidenschaft: das Restaurieren und Bauen von Objekten. Los ging‘s 1989 damit, dass er ein chinesisches Teehaus kaufte und sanierte. Später kam er zum Lilitempel in Offenbach. »Ich war gerade eingezogen, da wurde die Weiße Villa in Gelnhausen frei – und die war schon ein Jugendtraum von mir.« Weil er sich zwei solcher »Tempel« nicht leisten wollte oder konnte, entschied er sich für das Objekt in Gelnhausen. »Im Moment baue ich gerade ein Hotelprojekt in Gelnhausen. Ein Boutique-Hotel mit coolem Anspruch.« Natürlich mit Objekten von »ikarus«.

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